‹ARCHITEKTUR ALS AUSDRUCK – RUDOLF SCHWARZ›


Rudolf Schwarz, in der Mitte dieses Jahrhunderts als Architekt und Autor einem breiteren Fachpublikum bekannt geworden, ist für die Forschung eine äusserst ergiebige Persönlichkeit. Seine Fähigkeit, das Bauen auf eine geistige Grundordnung zurückzuführen, seine umfassenden Kenntnisse der verschiedensten Wissensgebiete sowie seine Präzision im Entwerfen und Schreiben ermöglichen eine Werkanalyse, die über eine rein formale oder stilistische Interpretation der fertiggestellten Bauten weit hinausreicht. An der historischen Schwelle zum Formverständnis der Moderne kannte Schwarz keinerlei Berührungsängste mit der Baugeschichte. Die italienische Romanik wie der süddeutsche Barock, ja sogar das Regelwerk des Historismus oder die überschäumenden Phantasien des Expressionismus lieferten ihm willkommene Bilder. Variantenreich transformierte er die Qualitäten des überlieferten Formausdruckes in seinen technisch und ökonomisch zeitgemässen Bauwerken. Seine abstrakten Entwürfe sind also -obwohl offenkundig der Moderne verpflichtet – auch Bündelungen eines reichen geschichtlichen Erbes.

Schwarz sah die Welt der Formen als einheitliches System; durch die ganze Fülle räumlicher Erscheinungen ging für ihn „das grosse Gespräch von Gestalt zu Gestalt, zu welchem seine Baukunst „eigene Gestalten“ beizutragen hatte. So durchforschte er alle möglichen Domänen der Form: Nicht nur im Fundus der Architektur- und der Kunstgeschichte, auch in den Naturformen und Mikrogefügen sowie in den Konstrukten der Technik fand er Widerspiegelungen analoger Strukturen, deren Gesetzmässigkeiten sich auf die eigenen, variablen Bauformen übertragen Hessen.
Die Strukturgrundlagen für seine sakralen Bauten schrieb er in seinem Theoriewerk „Vom Bau der Kirche“ fest. Die dort entwickelten „Pläne“ sind keineswegs als Grundrisse zu verstehen — selbst wenn sie von der Nachwelt gelegentlich telquel nachgebaut wurden. Vielmehr sind sie geistige Raumkonzeptionen, „Urbilder“, wie Schwarz selbst sie nannte. Gerade weil seine Entwürfe stets auf diesen geradezu dogmatischen „Plänen“ basierten, erlaubte sich Schwarz in der konkreten Formgebung grosse Freiheiten, immer der festgefügten Grundordnung gewiss. Mit den verschiedensten Grundrissgeometrien und Konstruktionsideen, mit den mannigfaltigsten Materialien und Stilmitteln strebte er für den Sakralbau durchwegs ein und dasselbe Ziel an: Der architektonische Kirchenraum sollte die darin versammelten Menschen zu einer einheitlichen Gemeinschaftsfigur konstituieren und diese auf ein
Transzendentes ausrichten.
Der Titel der Arbeit, „Architektur als Ausdruck“, bezeichnet den Anspruch von Schwarz, Bauteile und Räume als ausdruckshafte, mit dem menschlichen Subjekt in Beziehung tretende „Gestalten“ zu begreifen. Der Wahrnehmungsstruktur des Menschen stellt sich die Ausdrucksstruktur der Bauform entgegen. So evoziert das „Sprechende“ der Architektur, die autonome Kraft der Form den Dialog zwischen Bau und Mensch. Dies ist nicht nur für den gemeinschaftsbildenden Kirchenraum von Bedeutung, es ist die Grundlage jeder Raumgestaltung schlechthin. Schwarz‘ beharrliche, theoretisch breit fundierte Suche nach höchster Ausdrucksfähigkeit der Form beschritt — frei von jeglicher Stildoktrin – sehr vielfältige Wege. Sein Schaffen ist deshalb zweifellos auch über den Kirchenbau hinaus von allgemeinem und zeitlosem Interesse.

Thomas Hasler

Deutsch, Englisch
Erschienen: gta Verlag, ETH Hönggerberg, 8093 Zürich | Gebr. Mann Verlag, Berlin, 2000

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